Der 70. Geburtstag des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt ist ein guter Anlass, über die Arbeit im Wandel der Zeit nachzudenken. Im kda-Report 2024 „Zeiten der Arbeit: Report zum 70. Geburtstag des kda Bayern “ befassen sich die wissenschaftlichen Referent:innen mit Rückblicken, Ausblicken und anderen Zeitfragen. Die wissenschaftliche Referentin Nina Golf vom kda Bayern hat Dr. Kathrin S. Kürzinger als Arbeitszeitexpertin befragt. Artikelauschnitte und das Interview haben wir mit freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht. Den vollständigen Artikel, in dem auch Andreas Schlutter (Diakonie) Antworten gibt, finden Sie hier.
„Zeit“ ist eine Frage von Macht und Freiheit. Soziale Gerechtigkeit ist unbedingt mit einer gerechten Verteilung von Zeit verbunden. Mit dieser These hat die Autorin Teresa Bücker in den letzten zwei Jahren viel Anerkennung erfahren. In ihrem Buch “ALLE_ZEIT. Eine Frage von Macht und Freiheit” (Ullstein Berlin) fordert sie, dass alle Menschen frei über ihre Zeit verfügen sollten und mahnt die gerechte Verteilung dieser Souveränität an.
Für Bücker ist Zeit die zentrale Ressource und Geschenk zugleich. Sie postuliert eine neue Zeitkultur, die der Schlüssel für Geschlechter- und Generationengerechtigkeit und für eine nachhaltige Ökonomie ist.
Mit der Forderung nach einer radikalen Umverteilung von Zeit hat die Sachbuch-Autorin auch uns auf neue Gedanken gebracht.

Interview mit Dr. Kathrin S. Kürzinger zur Frage „Welche These von Teresa Bücker hat Dich besonders angesprochen?“
Erschreckend fand ich gleich zu Beginn des Buchs die Erkenntnis, dass die Zeit-Sozialisation von Kindern dann abgeschlossen ist, wenn sie – wie wir Erwachsene – Zeitnot empfinden und ihre eigene Zeit als begrenzt erleben.
Da frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass in unserer Gesellschaft „im Stress und in Zeitnot zu sein“ nicht nur zum Normalzustand gehört, sondern sogar „en vogue“ werden konnte.
Laut Bücker gilt „busy zu sein“ als Statussymbol in unserer Gesellschaft!
Damit lässt sich die große Scham, die oft mit Arbeitslosigkeit einhergeht, erklären: es ist normabweichend den ganzen Tag Zeit zu haben und die eigene Zeit nicht „sinnvoll“ zu nutzen ist gesellschaftlich verpönt.
Wo erlebst Du Zeit als eine Frage von Macht und Freiheit?
Ich erlebe Zeit als Ausdruck von Macht und Freiheit, indem ich mich aktuell sehr eingeschränkt darin fühle, mich ehrenamtlich engagieren zu können.
Neben Erwerbsarbeit in Vollzeit und der familienbedingten Carearbeit bleibt keine Zeit für ein Ehrenamt übrig. Dadurch fehlt meine Perspektive als berufstätige Mutter in diversen Kontexten – allen voran in der Politik. Das schmerzt mich immer mehr.
Während der Corona-Pandemie fühlte ich mich so vergessen wie noch nie von der Politik, das würde ich gerne ändern!
Was muss sich ändern, damit wir der Utopie einer gerechteren Verteilung von Zeit näherkommen?
Neben einer gerechteren Verteilung der Ressource Zeit zwischen den Geschlechtern brauchen wir aktuell vor allem eine Entlastung von Familien mit Kindern.
Angesichts des Fachkräftemangels benötigen wir als Gesellschaft die gut ausgebildeten Frauen in der Berufswelt. Zwar hat sich in den letzten Jahren die Erwerbsarbeitsquote von Frauen durch den Ausbau der Kinderbetreuung enorm gesteigert. Doch derzeit erleben wir einen Rückgang von Kinderbetreuungszeiten und insbesondere deren Verlässlichkeit.
In Bonn werden aktuell beispielsweise gar keine Vollzeitbetreuungsplätze mehr angeboten und jede Woche werden Betreuungszeiten wegen Personalmangels kurzfristig (!) zusätzlich gekürzt. Auf diese Weise können junge Eltern selbst nicht verlässlich einer Erwerbsarbeit nachgehen.
Eine Lösungsmöglichkeit wäre hier eine kurze Vollzeit von 30 Stunden für Eltern während der Familienphase. Wenn wir eine gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit und Carearbeit wollen, müssen insbesondere Väter weniger arbeiten können.
Wie wollen wir zukünftig arbeiten / welche Utopien dürfen real werden?
Teresa Bückers Utopie eines zivilgesellschaftlichen Sabbaticals finde ich einen sehr vielversprechenden Ansatz! Dabei geht es darum, Menschen zu ermöglichen sich für unsere Gesellschaft zu engagieren und gleichzeitig auskömmlich versorgt zu sein – beispielsweise mit einer Art Grundeinkommen.
Das sollte nicht nur für junge Menschen nach dem Schulabschluss möglich sein, sondern in allen Lebensphasen!
Weitere Hinweise:
Zum Interview von Andreas Schlutter , Vorsitzender des Gesamtausschusses der Mitarbeitervertretungen der Diakonie Bayern.
Interviews: Nina Golf, wissenschaftliche Referentin im kda Bayern. Juli 2024.

